Bei Veenity dabei seit September 2018

Ein Bauer, der nur Pflanzen isst

Bauer Urs Marti aus Kallnach BE bringt nicht nur mit seinen bunten Speisemais-Anbauversuchen neue Farbe in die Landwirtschaft. Angeleitet vom Kreislauf-Gedanken krempelt er den seit dem 18. Jahrhundert bestehenden Familienhof total um. Mutig, finden wir. Und wunderbar anders. In seiner Tierarche bekommt der Ausdruck “von glücklichen Kühen” eine ganz neue Dimension. Von seiner Überzeugung und seinem Betrieb erzählt Urs im Interview.

Urs, du bist ausgebildeter Lehrer und in Kallnach zweifelte man, dass du den Hof deines Vaters jemals übernehmen würdest.
Ja, es sah sehr lange danach aus, als würde niemand diesen Hof weiterführen. Mein Desinteresse war offensichtlich.

Wie alt bist du?
Ich bin 34 Jahre alt.

Wie kam es zum Wandel und was machst du anders als andere?
Ich glaube, ich musste ein bisschen älter werden und meinen Horizont erweitern, bevor ich meinen Eltern mit 28 Jahren verkündete, dass ich doch Bauer werden möchte unter ein paar Bedingungen. Was mich in diesem Entschluss bestärkte, war die Erkenntnis, in wie vielen Lebensbereichen die Landwirtschaft ihre Finger drin hat.

Mein Vorhaben ist, in einem ganzheitlicher Kreislauf zu arbeiten, wie man das früher mit Feld und Tier tat. Denn im heutigen Europa wird für die Milch- und Fleischproduktion viel importiertes Kraftfutter eingesetzt. Wenn man sich überlegt, was alles damit zusammenhängt, dann wird das Thema hochpolitisch.

Wie meinst du das genau? Vielleicht kannst du das am Beispiel von Soja erklären.
Futtersoja ist sehr gefragt, weil es einen hohen Eiweissgehalt aufweist. Nicht nur den Hochleistungs-Milchkühen wird viel Kraftfutter verabreicht, sondern auch die meisten anderen Milchbauern verwenden es. Sowohl in der Mast verschiedener Nutztiere, der Mutterkuhhaltung als auch in der Legehennen-Haltung wird Soja eingesetzt.

In Südamerika wird Regenwald abgeholzt, um Futtersoja anzupflanzen. Nach wenigen Jahren Soja-Monokultur ist der Boden ausgelaugt und unbrauchbar. Produziert wird das Futtermittel weiter, indem immer mehr Bäume des Urwaldes weichen, um Ackerfläche zu schaffen. Die Ernte wird nach Europa verschifft und unseren Nutztieren verfüttert.

Und so kommt die Politik ins Spiel: Das Übel befindet sich in Südamerika. Dort geht der Wald und das Kulturland verloren und wir sind fein raus. Wir profitieren, indem wir etwas mehr Milch aus unseren Kühen ziehen und die Fleischproduktion steigern, weil die Tiere schneller Gewicht zulegen. Wir sind die Verursacher der Probleme in anderen Ländern.

Du ernährst dich rein pflanzlich. Ungewöhnlich für einen Bauernsohn. Was bewog dich dazu?
Genau, ich bin seit 17 Jahren Vegetarier und seit 16 Jahren Veganer. Punk-Rock brachte mich darauf. Ein Kollege und ich entdeckten per Zufall Songs, die sich um das Tierrecht drehten. Wir hörten damals “Die Kafkas” aus Deutschland und “Propagandhi” aus Kanada. Durch ihre Texte begann die Auseinandersetzung mit der Thematik. Das führte seinerzeit zu hitzigen Diskussionen mit meinen Eltern.

Zu der Zeit wohnte ich noch zu Hause auf dem Bauernhof, wo ich aufgewachsen bin. Mir ging ein Licht auf und ich wollte nicht mehr mitverantwortlich sein für das tägliche Leid der Tiere. Ich habe die Umstände vorher einfach nie hinterfragt. Aus einer rationalen Überlegung heraus, wurde ich von einem auf den anderen Tag vegan.

Bereut habe ich es nie. Ich ersetze gerade Futtermais und Gerste, welche für Tiere angebaut wurden, durch menschliche Nahrung wie zum Beispiel den Speisemais und Speisehafer. Der Hintergedanke dabei ist, dass die Kalorien direkt zum Menschen gelangen.

Kannst du das genauer erklären?
Wenn das Getreide zuerst durch einen Kuhmagen wandert, vom Tier verdaut und dann zu Fleisch wird, verschwenden wir eigentlich ganz viel Kalorien. Ein Tier braucht viel Futter, bis man sein Fleisch essen kann. Es wird also viel Energie gespart, wenn die Ernte statt in den Tiermagen, direkt auf unsere Teller gelangt.

Wie war das damals als Exot?
Das war damals ein bisschen schwieriger als heute. Migros und Coop wussten noch nicht, was Veganismus ist. Im Moment ist es ein wachsender Trend. Vor allem bei jungen Leuten sieht man eine klare Zunahme von vegan lebenden Menschen. Ja, mal schauen. An vielen Orten gilt es als Hype. Es ist ein neuer Lifestyle. Aus welchen Gründen auch immer jemand entscheidet, sich pflanzlich zu ernähren, schlussendlich kommt es den Tieren zugute. Das ist positiv.

Stimmt es, dass du Linsen, Buchweizen und Polenta-Mais anpflanzt?
Linsen und Polenta sind noch immer aktuell. Buchweizen war ein Versuch, der recht gut gelang. Da wir noch in der Umstellung auf Bio sind, ist es schwierig für solche Spezialkulturen Abnehmer zu finden. Deswegen habe ich den Versuch wieder eingestellt. Also, wachsen lasse ich den Buchweizen auch dieses Jahr, denn er blüht früh und lange, was den Insekten gefällt. Geerntet habe ich ihn jedoch nicht.

Zwei Sorten Linsen und drei Sorten Polenta haben wir dieses Jahr angebaut. Diese vermarkte ich dann direkt, sobald sie abgepackt sind. Die Leute können sie bei mir im Hofladen oder über den Onlineshop beziehen. Ich liefere auch an kleine Lädeli in der Nähe.

Bunter Speisemais
Urs testet den Anbau mit unterschiedlichen Speisemaissorten.

 

Ich will auch etwas kaufen.
Wir sind leider ausverkauft im Moment. Wir hatten eine farbige, eine weisse und eine grobkörnige Polenta. Gerade tüftle ich an einer in der Farbe pink.

Das ist interessant für die Gastronomie.
Ja, das stimmt. Wir hatten letztes Jahr noch keine grosse Fläche für die Polenta. Jetzt wird es Zeit zu “weibeln”! Wir haben den vorgesehenen Acker dieses Jahr um das Dreissigfache vergrössert. Ab September ernten wir. So viel Farbe macht sich natürlich gut auf dem Teller.

Sind alle diese bunten Kolben Polenta-Mais (es liegen hier einige auf dem Tisch)?
Nein, es sind auch Mehlmais-Sorten darunter. Bei diesem weiss man nie so recht, ob sich die Kolben orange, rot, violett oder braun entwickeln. Ich experimentiere mit grosser Freude herum. Ich will herausfinden, ob sie sich auch für Polenta eignen. Warum hast du dich gerade für diese Pflanzen entschieden? Sie sind glutenfrei. Ich kann mir vorstellen, irgendwann Bäckereien mit meinem Mehl zu beliefern. Allem voran mag ich aber den Mais als Kultur und mache es in erster Linie für mich selbst.

Unterstützt dich deine Familie beim Bauer-Sein?
Ja. Dafür bin ich sehr dankbar.

Wie hat sie auf deine Ideen bezüglich Bio und alternative Tierhaltung reagiert?
Sie waren ein bisschen baff (lacht). Doch sie wissen ja, wie ich ticke. Sie zweifelten daran, ob mein Konzept funktionieren wird. Dass ich den Betrieb doch noch übernahm, gab mir Kredit. Sie wollten den Hof nicht verlieren, welcher seit 1763 unser Familie gehört.

Womit habt ihr die Veränderung begonnen?
Es war ein Prozess. Wir gingen dies schrittweise an. Vor zweieinhalb Jahren fingen wir an mit der Tierarche und nahmen die ersten Tiere auf. Ich bewies meinem Vater, dass es möglich ist, Einnahmen zu generieren. Das zeigte ihm, dass meine Idee funktioniert. Und so machten wir weiter. Die Umstellung auf Bio war weniger das Problem. Ein paar Zweifel wegen des Moosbodens wurden eingeräumt.

Durch dessen gute Fruchtbarkeit ist der Unkrautdruck sehr hoch, was im Bio-Landbau eines der grössten Probleme darstellt. Doch mein Vater liess sich darauf ein. Erst nach einer zweijährigen Umstellungsphase gilt man als Knospe-Biobetrieb. Man produziert in dieser Zeit zwar nach Bio-Richtlinien, hat aber noch keinen Bio-Preis. Mein Vater bot sich an das erste Jahr der Umstellung als Betriebsleiter noch in Angriff zu nehmen und schlug mir vor, dass ich diesen Part im zweiten Jahr übernehme. Also, er kam mir hier sogar entgegen.

Welche Herausforderung bedeutet das Bio-Label für dich als Bauer?
Es gilt, den Boden vorzubereiten, damit sich ein gutes, feines Saatbeet entwickelt. Wenn die Kultur wächst, pflegt man sie und schaut, dass das Unkraut nicht die Oberhand gewinnt und danach erntet man. Das ist Ackerbau (lacht). Konventionell spritzt man Herbizide gegen Unkraut, manche auch Fungizide gegen Pilzbefall und Insektizide gegen Insekten. Ausser der Kulturpflanze stirbt oft alles ab.

Beim Bio darf man das natürlich nicht, was auch richtig ist. Doch das bewirkt, dass man alles mechanisch machen muss. Das wiederum braucht Personal oder die entsprechenden Maschinen und verursacht Kosten. Und trotzdem bekommt man die Felder nicht so sauber, wie beim Spritzen. Das sind Herausforderungen, welche mir neben der geringen Verfügbarkeit von Dünger begegnen. Ich nehme diese gerne an. Die letzte Linsen-Ernte etwa lief gut, doch es gibt noch Optimierungsmöglichkeiten bei deren Anbau.

Du betreibst noch nicht lange Bio-Landbau?
Nein, offiziell erst seit dem 01.01.2018. Die ersten Erfahrungen sind durchaus positiv. Schon vor der Umstellung habe ich gewisse Kulturen, etwa die Linsen, nach Bio-Richtlinien angebaut.

 

Hof
Der Familienhof Hübeli

 
Was sagen die anderen Bauern in Kallnach zu deinem Hof Hübeli?
Das ist für mich schwer zu sagen. Ich war einige Jahre weg und bin daher nicht sehr vernetzt mit dem Dorf. Mir begegnet niemand negativ hier. Ich habe schon mit mehreren ehemaligen Bauern gesprochen und sie finden gut, wie ich meinen Hof führe. Sie hätten gerne selbst auf diese Weise Landwirtschaft betrieben, denn sie hatten Mitleid mit den Kälbern, welche sie zum Metzger brachten. Doch damals war das noch nicht möglich.

Der ökonomische Druck auf die Bauern ist riesig. Ich arbeite nebenbei. Ich glaube, das Problem ist, dass viele Bauern 50 - 60 Stunden pro Woche arbeiten und trotzdem schreiben viele rote oder nur knapp schwarze Zahlen am Ende des Jahres. Das erschwert eine Umstellung.

Arbeitest du als Lehrer nebenbei?
Ja, genau, ich arbeite drei halbe Tage in der Woche als Musiklehrer.

Der Hof ist 30 Hektaren gross. Davon ist auch ein Teil Weideland.
Ja, wir brauchen Weideland und Wiese. Da “Heuen” wir, um die Tiere im Winter zu versorgen. Zudem begünstigt Gras den Bodenaufbau, was man zwingend braucht als Ackerbaubetrieb. Auf die Frucht, also den Anbau von Kulturen, folgt Gras, um den Boden zu regenerieren. Das Gras wiederum fressen die Tiere unserer Arche. Wir verfüttern nur, was wir aus dem Grasschnitt gewinnen. Der grösste Teil wird zu Heu, der letzte Schnitt zu Grassilo und das frische Gras holen sich die Tiere selbst auf der Weide.

Musst du Heu zukaufen?
Nein, wir kommen mit dem aus, was auf unseren Wiesen wächst.

Welche Tiere und wie viele hältst du? Kommen laufend neue Tiere dazu?
Neben den 25 Kühen, Ochsen, Rinder und Kälber gehören drei Schafe zur Tierarche. Anfragen kamen immer mal wieder, doch der Stall ist gerade voll. Eine Hälfte der Tiere gehören uns, die andere Hälfte sind mir anvertraute Tiere, welchen ich ein Zuhause gebe. Ich finanziere den Unterhalt der eigenen Tiere über Patenschaften. Da wir das Futter selbst produzieren, können wir die Kosten in einem angemessenen Rahmen halten.

Kühe auf der Weide
Die Tiere dürfen ihr Leben auf dem Hof geniessen.

 

Ihr habt am 31.12.2017 das letzte mal gemolken. Was für einen Nutzen haben die sogenannten Nutztiere nun auf deinem Hof?
Grundsätzlich steht jedem Tier das Recht auf leben zu. Jede Kuh hat ihre eigene Persönlichkeit. Ich wollte diese Tiere nicht nutzen und töten, sobald sie ausgedient haben. Es ging mir darum, ihnen die Würde zurückzugeben. Sie kacken noch immer (lacht). Ich nutze den Dünger, welchen sie produzieren. Diesen setze ich gewinnbringend bei den Kulturen ein, welche es am meisten benötigen.

Am meisten Gölle kriegt bei uns der Brotweizen. Die mit den Tieren verbrachte Zeit, birgt für mich einen ganz persönlichen Nutzen. Kühe sind sehr genügsame, ruhige Wesen und das überträgt sich auf einen selbst. Wenn ich abends zehn bis fünfzehn Minuten bei den Kühen verbring, schliesse ich den Tag glücklich ab.

Ihr habt ein Hoflädeli. Was verkauft ihr dort?
Das Lädeli steht zwischen unseren Beeten neben dem Gewächshaus. Wir haben einen Selbsternte-Garten. Dort wächst zum Beispiel in einem Indianerbeet Zuckermais, den wir gerade in Hülle und Fülle ernten und essen (lacht). Gleichzeitig klettern Bohnen an den Maispflanzen hoch, welche aktuell auch Saison haben und am Boden wächst der Kürbis zwischen den Stängeln. Diese Mischkultur ist eine Premiere für mich.

Im Gewächshaus gedeihen Tomaten. Unsere Kunden können hier selber ernten, was gerade wächst und es im Lädeli wägen. Neben dem Gemüse bieten wir auch Schnittblumen an. Im Hofladen bekommt man zudem unsere Linsen, verpackt oder unverpackt.

Was ist deine Zukunftsvision?
Schön wäre es, wenn meine ganze Familie vom Hof leben und ich den Lehrerberuf an den Nagel hängen könnte. Ich möchte mich irgendwann voll und ganz auf die Landwirtschaft fokussieren. Mein Kopf ist voller Ideen, die ausprobiert werden wollen. Vor meinem inneren Auge sehe ich einen selbsttragenden Hof, welcher unabhängig und divers ist. Die Kulturen auf meinen Feldern will ich von A bis Z selbst säen, pflegen, ernten und möglichst viel direkt vermarkten.

Stell dir vor, es gibt ein Knöpfchen und wenn du drauf drückst verändert sich etwas in der ganzen Welt. Was wäre das?
Das ist die Frage, bei welcher Miss-Schweiz Kandidatinnen immer “Weltfriede” sagen. (wir lachen beide) Aus Sicht der Landwirtschaft wäre es schön, wenn es so etwas wie eine globale Ernährungssouveränität gäbe. Wenn quasi jeder Staat sich mit seinen regionalen Produkten versorgen könnte und unabhängig wäre von Importen. Das würde viele Konflikte mildern. In vielen Ländern ist etwa durch sogenannte Freihandelsabkommen schon ordentlich Geschirr zerschlagen worden und es bräuchte viel Aufbauarbeit. Eine Rückbesinnung auf die eigenen Kulturen und die eigene Geschichte wäre notwendig. Die Idee der Globalisierung der Landwirtschaft geht in eine ganz falsche Richtung. Zurück zur Souveränität wäre wünschenswert.

Noch ein Wort zum Schluss?
Ja, etwas möchte ich noch anfügen: Schlussendlich ist jede Kalorie, welche wir zu uns nehmen durch eine Pflanze produziert worden. So, jetzt habe ich geschlossen.

Vielen Dank, Urs. Ich finde es wahnsinnig spannend, welche neuen Wege du betrittst und wie du die Landwirtschaft angehst. Diese nachhaltige Art und Weise zeigt, dass es eben auch anders geht und das sogar sehr gut. Ich bin gespannt, mit welchen Neuheiten von deinem Feld und aus deiner Küche du uns in Zukunft überraschen wirst. Alles Gute!

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Autorin: Linda Schenker

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